Grenzsteintrophy

Tourenankündigungen, Termine und Berichte in und um Kiel. (Mountainbike/MTB und Rennrad)

Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Carsten » Mi 29. Jun 2011, 20:31

Tag 1, 17.06.2011
Start: 09:00 Uhr, Priwall, Lübeck-Travemünde
Ende: 21:30 Uhr, ADAC Campingplatz Alt Garge, Elbe
Strecke: 172 km
Frühstück Punkt 07:00 Uhr. „Für jeden ein Brötchen, und bitte nichts zum Mitnehmen schmieren.“ Mir fällt ein, dass ich die Müsliriegel zuhause vergessen habe. Also futtern wie ein Kamel. „Warum brennt denn bei Ihnen noch Licht im Zimmer? Ist alles mein Geld!“ Die Zeit verrinnt. Schnell ist das Frühstück herunter gewürgt. Gepäck ans Rad und dann los zur Fähre. Acht Uhr ist Überfahrt zum Priwall. Bloß jetzt nicht den Start verpassen. Mark und ich ziehen unsere Tickets als letzte aus dem Automaten. Schade, kaum Zeit zum Räder gucken. Auf dem Priwall geht es gleich weiter zum Strand, zum Nullpunkt der Grenzsteintrophy. Fotosession mitten im Sand. Ich richte schnell noch den Lenker gerade und stelle den Sattel tiefer. Dann knie auch ich vor dem großen Banner nieder und lächle gequält in die Kamera. Das ist mir alles zu hektisch. „Ok Leute, ab zum Start. Punkt Neun geht es los, wir haben noch was vor heute“, drängt Gunnar. Tolle Ausrüstung bei einigen Fahrern, liebevoll selbst gebastelte Taschen und Beutel. Alles dabei von 29er Singlespeed aus Stahl mit Starrgabel bis Carbon-Fully. „Alles klar bei Dir?“, will David wissen. Meine Kehle ist trocken, ich bin nervös wie ein Rennpferd. Dann geht es los. 25 Fahrer setzen sich in Bewegung, auf zur Fahrt ins Ungewisse. Ich fahre als letzter über die imaginäre Startlinie. Vorne geht die Post ab, als wäre es ein 10 km Einzelzeitfahren. Kühle Witterung, leichter Wind schräg von vorne, Regenwolken am Horizont. Ich löse mich von der hinteren Gruppe und fahre zu den Führenden auf. Dann geht es auch schon ins Gelände. Schnell trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich schalte erstmal ein paar Gänge zurück. Bis nach Hof ist es noch weit. Nach einer kurzen Pause zum Ausziehen der Regenjacke fahre ich plötzlich am Ende des Feldes. Keiner mehr in Sicht. Und das nach nur 8 km. Ok, fahr ich halt alleine. Die Wegführung ist fantastisch. Es geht über Feldwege und kleine Kopfsteinpflasterstraßen vorbei am Dassower See und an der Untertrave. Die Vögel zwitschern und satt leuchten der Mohn und die Kornblumen auf den Feldern. Janz weit draußen und doch mitten drin in der Zivilisation. Genau so hatte ich mir das vorgestellt. Ich komme endlich in Tritt. Irgendwann werde ich die schon wiedersehen. Nach einer Stunde gabel ich Rüdiger auf seinem Uralt-MTB ohne Federung auf. Mit 71 ist er der älteste Teilnehmer. Er fährt ohne GPS und orientiert sich nur anhand Gunnar‘s Roadbook im DIN-A-5 Format, Maßstab 1:100.000. Ich nehme ihn für ein paar Kilometer ins Schlepptau, dann gibt er mir das Zeichen, dass ich ohne ihn weiter fahren soll. Er wird die Tour nach einem Tag in der Nähe von Boizenburg beenden. 140 km immerhin! Südlich von Schlutup treffe ich dann auf Joachim und Wolfgang. Nach ein paar weiteren Kilometern formiert sich eine Gruppe von 7 bis 9 Fahrern, die meisten davon wie ich mit reichlich Tourengepäck unterwegs. Nach gut 40 km Wegstrecke geht es zum ersten Mal auf den berüchtigten Kolonnenweg. Obligatorisches Foto. Wenn ich gewusst hätte, wie oft ich den noch unter die Stollen nehme…Es holpert, als ich auf den Lochstreifen gerate. Aber wenn man sich ordentlich konzentriert, geht’s. Wir nähern uns parallel zur Wakeniz dem Ratzeburger See. Manchmal verfahren sich die führenden Fahrer und die Gruppe gerät ins Stocken. Martin aus Lübeck und ich sind etwas schneller als der Rest. Kurz vor Ratzeburg setzen wir uns ab. Wir rauschen durch die Trails in Ufernähe, den See immer mal wieder im Blick. So langsam ist das Frühstück verbrannt, und wir beschließen einen kurzen Abstecher nach Ratzeburg zu machen. Martin kennt sich aus. Die Pizzeria ist schnell gefunden und nach gut 10 Minuten verschlinge ich eine Prosciutto XXL. Wir recken noch ein bisschen die müden Gräten, dann geht es wieder auf den Track. „Wir wollen mal nicht päpstlicher sein als der Papst!“. Martin nimmt es mit dem Ehrenkodex nicht so genau, wir kürzen ein kleines Stückchen ab. „Fahrt wie Ihr wollt, kontrolliert ja keiner“, hat Gunnar gesagt. Letztlich fährt jeder seine Tour nach seinem Gewissen. Keine Siegerehrung, keine Medaille, nur Du selbst. Egoismus pur. Die Pizza liegt mir wie ein Stein im Magen. Egal, es geht jetzt zum Glück relativ eben weiter in Richtung Schaalsee. Nach wie vor tolle Trails. Es läuft rund bei Martin und mir. An einem Seeufer sehen wir Ralf, der mit Freundin Antje gestartet ist. Auf unsere Zurufe reagiert er nicht. Später stellt sich heraus, dass er auf sie gewartet hat, während sie an einem anderen See nach ihm suchte. Kommunikationsprobleme. Nach einer weiteren Pause treffen wir unsere Gruppe vom Vormittag wieder. Auch sie hatten in Ratzeburg Mittagspause gemacht. Also doch weiter in der Gruppe. Gemeinsam macht stark. Oder auch nicht. Martin und mir wird es hinter dem Schaalsee zu langsam. Wir geben wieder Gas und setzen uns vom Feld ab. Es geht jetzt über kleine Landstraßen und asphaltierte Wirtschaftswege in Richtung Boizenburg. Kurz hinter der A24 treffen wir in einem Waldstück auf Daniel, der einem Fuchs nachgespürt hat. Er fährt mit Minimalgepäck, setzt voll auf Fremdverpflegung und Übernachtung in Gasthöfen. Nach ein paar Kilometern, als Martin eine weitere Verpflegungspause einlegen will, gibt er seinem Pferdchen die Sporen und düst davon. Ich mache ein paar Fotos vom ersten Grenzdenkmal am Wegesrand und versuche danach mein Glück allein. „Wir sehen uns bestimmt nochmal“, winkt Martin mir nach. Es ist kurz nach 17:00 Uhr und ich knacke die 100 km Marke. So langsam machen sich Sitzprobleme bemerkbar und die Fußballen schmerzen. Mein Traumziel für diesen Tag heißt Hitzacker an der Elbe. Das wären 185 km. Mal sehen. Kurz vor Boizenburg erreiche ich die Elbe. Zunächst sieht es so aus, als gehe es auf dem Geestrücken weiter, aber dann biegt der Track ab vom Kolonnenweg auf die steilen Bodenwellen in Ufernähe. Es geht mindestens 10 Mal rauf und runter, teilweise so steil, dass ich zum ersten Mal auf der Tour schieben muss. An einem Aussichtsturm mache ich Pause und fotografiere die Weiten der Elbauen unter mir. In Boizenburg fülle ich meine Trinkflasche auf und steuere einen Supermarkt an, um nochmal Kalorien nachzutanken. Duplo, Müsliriegel, Milchreis, Kuchenteilchen, Vanilletrinkmilch. Das Zeugs verdampft nur so. Dann geht es auf popoglatten Asphaltsträßchen durch das Elbdeichhinterland in Richtung Bleckede. Ich steigere mich regelrecht in einen Temporausch. „Macht einsfünzig.“ Gegen 20:15 setze ich mit der Fähre als einziger Passagier über. Jetzt kurz noch meinen obligatorischen Tagesbericht auf den AB quasseln, und dann noch ein paar Kilometer weiter zum nächsten Campingplatz. Da geht es vorher aber nochmal ins Gebüsch. Nach kurzer Wegstrecke dann plötzlich Endstation vor einem ominösen Zigeunerwagen mitten im Wald. Der Weg verliert sich. Ein paar Meter zurück, dann nach rechts, na also, geht doch. Nach ein paar Trails durch den Wald treffe ich endlich wieder auf eine Straße. Da vorne müsste der Campingplatz doch schon sein. Da kommt mir plötzlich Martin entgegen. „Wo willst Du denn hin, da geht es lang!“ „Wieso, ich komme gerade von der Fähre.“ ???. Also versuchen wir es im Wald nochmal zu zweit, und Martin, die Spürnase, findet tatsächlich den Weg am Zigeunerwagen vorbei. Nach weiteren 30 Minuten erreichen wir nach ca. 170 km endlich den ersehnten Campingplatz. Es dämmert bereits als wir unsere Notunterkünfte aufschlagen. Schnell noch das Fertiggericht auf meinem Mini-Trangia zubereitet, dann falle ich todmüde und erschöpft auf die harte 5 mm dünne ISO-Matte. Mein Puls ist hoch, die Bilder des Tages rauschen noch einmal vorbei. Ein Bier zum Schluss wäre nicht schlecht gewesen.
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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Josh » Do 30. Jun 2011, 07:47

toller Bericht, echt spannend zu lesen. Freue mich schon auf den nächsten!
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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Karsten » Do 30. Jun 2011, 19:30

Man man, Carsten. Was war denn das für eine Vorbereitung... So ein Streß!
Aber bei mir hätte es sehr ähnlich ausgesehen. Ich hätte alle Züge verpasst und wäre dann doch mit dem Auto los. :D

Ich finde, Du schreibst echt interessante Berichte. Vielleicht ernenne ich Dich noch zu unseren kivelo-Touren Berichterstatter.. ;)

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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Carsten » Do 30. Jun 2011, 19:51

Danke für euer positives Feedback!

Ich bin gerade in Schreiblaune, die Tour wirkt noch nach :) . Aber ob ich jetzt nach jeder Tour den kivelo-Berichterstatter spiele, also das wird mir doch zu stressig. Und die 320 Fotos muss ich auch noch durchsortieren :roll:

Und hier gibt's die nächste Folge von:

6 Tage auf der Grenzsteintrophy

Tag 2, 18.06.2011
Start: 07:40 Uhr, ADAC Campingplatz Alt Garge, Alt Garge, Elbe
Mittagspause: 10:40 Uhr, Hitzacker, Supermarkt, Uferpromenade, 28 km
Ende: 20:30 Uhr, Bauernhof in Lübbow, Wendland
Strecke: 115 km
Gegen 04:00 Uhr werde ich vom Vogelkonzert geweckt. Es dämmert bereits. Und dann, hör‘ ich richtig? Drip, dripdrip, dripdripdrip. Oh nein, es fängt an zu regnen. Naja, ist ja noch früh, beruhige ich mich. Um halb sechs hört der Regen zum Glück wieder auf. Jetzt halte ich es nicht länger aus und ziehe mir die verschwitzten Sachen vom Vortag an. Im Nachbarzelt ist es noch ruhig. Leicht verspannt schäle ich mich aus meiner Dackelgarage und wanke schlaftrunken zum Waschraum. Danach mixe ich mir zwei Berghaferl voll Müsli mit Milchpulver und Wasser. Schmeckt gar nicht so schlecht. Martin kommt nun auch in die Gänge. Das Wetter bessert sich, die Sonne kommt raus. Zügig packen wir unsere Sachen zusammen und satteln auf. Die meisten Leute schlafen noch, als wir den Campingplatz verlassen. Der Track beginnt gleich um die Ecke. Wir fahren im Morgentau durch Wiesen und Wälder. In Hitzacker, gerade mal 25 km von hier, wollen wir eine kleine Pause zur Verpflegung einlegen. Das sollte schnell zu schaffen sein. Wir biegen gerade in einen schönen ufernahen flachen Feldweg ein, als mein GPS eine kleine aber doch deutlich sichtbare Abweichung zum Track anzeigt. Wir fahren zu weit links, aber rechts neben uns ist nur ein steiler Sandberg. Ich ahne es schon, wir hätten vorhin an der Abzweigung rechts hoch fahren müssen. Also zurück. Anstatt gemütlich längs des Elbufers nach Hitzacker zu rollen, geht es nun richtig zur Sache. Steil bergauf, steil bergab, Haken nach links, Haken nach rechts. An einem Aussichtsturm verschaffen wir uns einen Überblick. Hitzacker liegt südöstlich hinter einer langgezogenen Sanddüne versteckt, die sich am Westufer der Elbe erstreckt. Ein Relikt der Eiszeiten. Und die Locals, die sich diesen Trail für die GST ausgesucht haben, haben sich alle Mühe gegeben, uns ihr Revier in allen Einzelheiten vorzustellen. So benötigen wir für die kurze Strecke ganze drei Stunden und sind total verschwitzt. Im Supermarkt decken wir uns dann mit radfahrspezifischer Kost ein: Brötchen, Salami, Fleischsalat, Milchreis, Bananen, Kuchenteilchen, Trinkmilch. Mit vollen Plastiktüten am Lenker eiern wir zur Uferpromenade nahe der Jeetzelmündung und machen es uns auf einer Bank mit Tisch gemütlich. Der Storch auf seinem Mast 20 Meter neben uns lässt sich davon nicht beeindrucken. Kurz vor Mittag verlassen wir Hitzacker in Richtung Südosten. Anfangs geht es noch über gut fahrbare Feldwege längs der Elbe, dann biegt der Track ins Landesinnere ab. Es folgen mehr und mehr mühsam fahrbare Reitwege und nach ein paar Kilometern verschlingen uns die Gartower Tannen, ein scheinbar endloser Kiefernwald, der von aufgewühlten Sandwegen durchzogen ist. Durch die lange Trockenperiode im Frühjahr sind die Sandwege staubtrocken und extrem schwer zu fahren. Immer wieder graben sich die Reifen ein, stellt sich das Vorderrad quer. Wir versuchen unser Glück am Rand des Weges. Die Reifenspuren vor uns im Sand zeigen, dass es den anderen Fahrern auch nicht besser ergangen ist. Zäh quälen wir uns durch den frühen Nachmittag. Es wird schwül, Gewitter liegen in der Luft. Ein Geräusch wie ein Echolot reißt mich aus meiner Lethargie. Wir fahren doch glatt direkt am Atommüllzwischenlager Gorleben vorbei! Betongebäude hinter Hochsicherheitszaun. Auf der anderen Straßenseite, gegenüber der Zufahrt, haben die Bewohner des Wendlands ein riesiges gelbes Kreuz aus Holz an zwei Kiefern angeschlagen. Zeichen des Widerstands. Die stundenlange Fahrt durch den Sand hat uns müde gemacht, wir halten auf den Holzbänken neben dem Kreuz ein kleines Nickerchen. Dann geht es weiter. Immer noch Sandwege. Plötzlich einsetzender Sturm und Donnergrollen kündigen das lang ersehnte Gewitter an. Wir suchen uns zunächst einen Hochsitz als Unterschlupf, entscheiden uns aber schließlich doch zur Weiterfahrt, da der Regen auf sich warten lässt. Zu früh gefreut. Jetzt prasselt es auf uns herunter. Die Kette knirscht vom Sand. Ich spare mir die Regensachen, denn der Regen ist lauwarm und kühlt angenehm. Nach knapp 10 Minuten ist der Spuk vorüber und die Sonne kommt wieder zum Vorschein. Manchmal ist der Untergrund für ein paar hundert Meter gut befestigt, dann geht es wieder auf einen Reitweg. Der Wald nimmt kein Ende. Wer will all das Holz bloß haben? Und wer hat hier Lust auf einen Reitausflug? Martin hat plötzlich keinen Bock mehr. Er steigt aus. Er will weiter auf dem schönen Elbradweg fahren und vielleicht später mal wieder auf den Track der Grenzsteintrophy stoßen. Ein kurzer Abschied, dann radle ich allein durch den Wald. Ganz schön einsam hier. Auch ich bin genervt von den Sandwegen. Kurzer Anruf bei Jens um mich auszukotzen. Aber der ist nicht da. Ich schiebe mir zur Steigerung der Motivation erstmal ein Brötchen rein. Essen hilft immer in solchen Situationen. Als hätten die Götter mein Fluchen erhört, endet kurz darauf der Sandweg und es geht stattdessen auf ein langes Stück Kolonnenweg. Das ist wie frisch geteerte glatte Straße. Wie sich die Maßstäbe doch verschieben. In zügigem Tempo durchfahre ich die Wendlandschleife. Als es westwärts geht, stemmt sich mir ein kräftiger Wind entgegen. Der Kolonnenweg ist nicht mehr durchgängig vorhanden. Ab und zu geht es auf Feld- und Wirtschaftswegen weiter, was das Durchschnittstempo anhebt. Nur einmal finde ich den Track nicht. Es geht scheinbar am Rand eines Ackers entlang, mitten durch die Schilfgewächse des nahen Bachufers. Keine Spuren vor mir. Hier kann es nicht weiter gehen. Also 300 Meter wieder zurück schieben. Ich schalte das GPS auf maximale Vergrößerung. Der Track geht mitten durch das Kornfeld. Nicht mit mir, nachher gibt es noch Ärger mit dem Bauern. Ich wähle die kürzeste Umfahrung und stoße dann wieder auf den Kolonnenweg. Längst versinkt die Sonne im Westen in den Weiten des Wendlands. Zeit, um mir Gedanken über das nächste Nachtlager zu machen. Rechts von mir gibt es reichlich gut gemähte Wiesen und einen Waldrand. Dort könnte ich ungestört mein Zelt aufbauen. Jetzt muss ich nur noch Wasser nachtanken. Lübbow liegt nur 500 Meter ab vom Track. Aber die einzige Gastronomie hat letztes Jahr dicht gemacht. Die zwei Dorfjugendlichen sind auch nicht gerade auskunftswillig. Da fährt gerade ein Trecker aus einer Einfahrt. Er hält an, als ich winke. „Klingel da mal, da kriegste Wasser.“ Ein älterer Mann öffnet. Freundlich erkläre ich ihm mein Anliegen und er füllt mir die Flasche wieder auf. Ich erzähle ihm kurz von der Grenzsteintrophy. Er ist sofort begeistert. „Elke, komm mal her. Der junge Mann…“. Was jetzt gleich passieren wird, kenne ich schon von meinen Touren als Schüler und Student. Sie werden mir zunächst eine Zeltmöglichkeit auf dem Hof anbieten und dann, nach kurzer Diskussion, ein Zimmer mit Bett. Damals war mir so eine Unterkunft als reisekassenfreundliche Alternative zum Campingplatz immer lieb. Jetzt ist es mir fast etwas peinlich. Es kommt wie geahnt, und Widerrede gibt es nicht. Am Ende bieten mir die netten Eheleute ein Zimmer mit Matratze und Dusche an, die Küche steht mir voll zur Verfügung. Der Hausherr hat vor vielen Jahren in Kiel studiert, wollte ursprünglich Lehrer werden. Wie das Leben so spielt. Jetzt warten sie sehnsüchtig auf Regen. Seit Februar hat es nur 15 mm Niederschlag gegeben. „Wir wissen gar nicht mehr, was wir anbauen sollen, bei so trockenen Böden“. Schnell hat er sein Laptop aufgeklappt und spielt mir von der GST-Seite meine Nachricht vom Vortag vor. Ein Blick auf die SPOT-Seite zeigt mir, dass Gunnar und die anderen schon längst über alle Berge sind. Wir fachsimpeln noch ein bisschen über Dieselmotorentechnik, dann schlummere ich frisch geduscht und weich gebettet auf der Schaumstoffmatratze ein.
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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Jensemann » Do 30. Jun 2011, 20:46

Klasse Carsten,ich bin begeistert,von deinem Bericht .Ich nehme dich als meinen Goastwriter mit,auf meine Radtour :D

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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Karsten » Do 30. Jun 2011, 22:00

...wie ein gutes Buch, welches ich jeden Abend, kurz vorm einschlafen, lese....

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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Grödlein » Fr 1. Jul 2011, 14:52

Echt der Hammer Carsten. Da Können wir ja endlich ne kivelo Zeitschrift ins leben rufen . So viel Hab ich in meinem ganzen leben noch nicht geschrieben!!! Gruss tim
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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Carsten » Fr 1. Jul 2011, 16:41

Am Wochenende mach ich eine kleine kreative Pause :wink:

Tag 3, 19.06.2011
Start: 07:50 Uhr, Bauernhof in Lübbow, Wendland
Mittagspause: 13:10 Uhr, Brome, Döner Imbis, 70 km
Ende: 20:40 Uhr, Hotel in Helmstedt, Lappwald
Strecke: 145 km
Ich hätte ja gern noch mit meinen Gastgebern gefrühstückt aber ich muss jetzt definitiv wieder los, sonst schaffe ich mein angepeiltes Tagespensum von 140 km nicht. Da es Sonntag ist, schleiche ich mich in der Früh‘ leise aus dem Haus. Die ersten Meter auf dem Kolonnenweg sind ganz schön schmerzhaft für mein Hinterteil. Es ist kühl, der Himmel ist bedeckt, für den Nachmittag ist längerer Regen angesagt. Es zeigt sich, dass der Zufall mir mal wieder den richtigen Weg gewiesen hat. Denn hinter Lübbow hören die gut gemähten Wiesen schlagartig auf. Stattdessen führt der Weg durch einen breiten Schilfgürtel. Da hätte ich dumm aus der Wäsche geschaut mit meiner vollen Trinkflasche auf Zeltplatzsuche. Zunächst ist die Lochplatte noch gut zu sehen, aber dann nimmt das Schilf den Weg zunehmend ein, bis ich schließlich Hautkontakt zur Botanik habe und allem, was da so im Kraut kriecht. Gut, dass ich mein Gepäck längs zum Rad ausgerichtet habe. Aufgeschnallter Packsack statt seitlicher Gepäcktaschen, eine schmale Rahmentasche nimmt meine Campingküche auf. Nur das Zelt baumelt quer unterm Lenker. So komme ich einigermaßen durch, ohne dass sich die Ranken an meiner Fuhre verhaken. Das Kraut wächst immer dichter, irgendwann spüre ich nur noch durch das Rütteln am Fahrwerk, dass ich auf dem Lochplattenweg fahre. Zu sehen ist er längst nicht mehr. Plötzlich knackt es dicht neben mir im Schilf. Ein Reh ist aufgeschreckt und springt mir fast vor das Rad. Nur wenige Meter vor mir kreuzt es in Panik meinen Weg. Ein paar Fischreiher fliehen ebenfalls in letzter Sekunde. Leider zu schnell, um die Kamera zu zücken. Dann endet der Krautweg jäh an einem Elektrozaun. Zum Glück ist es nur ein einzelner Draht, relativ hoch gespannt, so dass ich mein Rad schräg drunter durchziehen kann. Dahinter eine Wiese, vom Weg keine Spur mehr. Nur wenn ich genau hinsehe, ist eine Art leicht erhöhter Damm zu erkennen mit einer Fahrspur im Gras. Auf der OpenStreetMap ist schon seit längerer Zeit nur noch „Gegend“ zu sehen. Weit und breit kein Weg. Ich fahre stur auf dem lilafarbenen Strich. Hin und wieder sieht man in einiger Entfernung zum Track graue Beobachtungstürme aus Beton. Von hier aus wurde zu Zeiten der DDR der Todesstreifen bewacht. Wie verlassene Geisterhäuser stehen sie jetzt da. Kein Mensch ist zu sehen. Auf die weglose Wiese folgt wieder ein Stück Betonplattenweg, diesmal ohne Löcher. Dafür sind die Platten jetzt schmaler und quer zur Fahrtrichtung verlegt. Die unebenen Fugen rütteln mein Rad nur so durch. Ein paar Kilometer weiter hört der Kolonnenweg gänzlich auf, und der Track biegt auf eine Bundesstraße ab. Ich passiere die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Auf kleinen Landstraßen geht es weiter. Die Namen auf den Wegweisern klingen seltsam: Schnega, Clenze, Thune, Warbke. Nie gehört. In einigen Dörfern stehen schöne Feldsteinkirchen. Ich nähere mich dem südlichen Rand des Wendlands. Einmal geht es zwischen zwei Dörfern 5 km lang schnurstracks geradeaus durch einen Wald. Schon wieder Sandweg, stellenweise total zerwühlt. Am Wegesrand warnt ein großes Schild vor Zecken. Das fehlte noch. Entgegen der Wettervorhersage kommt jetzt sogar die Sonne heraus. Eine Mittagspause wäre nicht die schlechteste Idee. Der nächstgrößere Ort heißt Brome, dort sollte eine warme Mahlzeit zu bekommen sein. Am dritten Tag der Tour setzt bei mir so richtig der Hunger ein. Ich steuere einen Döner-Imbiss an. Die Pause nutze ich, um einen Zwischenbericht durchzugeben. Der Wirt erzählt mir, dass gestern schon ein anderer Radfahrer mit MTB und Gepäck hier war. Offensichtlich haben die Führenden bereits einen Tag Vorsprung. Kaum zu glauben, ich fahre ja nicht gerade im Bummeltempo. Gut gesättigt verlasse ich das Lokal bei einsetzendem Regen. Es sieht nicht ermutigend aus. 70 km will ich heute noch fahren. Nach ein paar Kilometern endet der Kolonnenweg abrupt in einem kleinen Wäldchen. Plattgedrückte Grashalme, die Spuren meiner Vorgänger, weisen mir den Weg. Aber dann verliert sich die Spur, und es geht nicht mehr weiter. Alles zugewachsen, wo das GPS den Track anzeigt. Ich will nicht noch einmal unnötig viel Zeit verlieren und entschließe mich, das Stück zu umfahren. Ohnehin ist der Track hier in der Gegend nicht besonders genau, scheint mehr nach Sattelitenbild geplant zu sein. Statt auf dem Radweg müsste ich 30 Meter weiter links fahren, aber der Kolonnenweg ist im Dickicht der Bäume nicht mehr zu erkennen. Es regnet inzwischen in Strömen und ich fahre entlang einer Bundesstraße auf den Mittellandkanal zu, dicht eingepackt in meine Regensachen, Jacke, Hose, Überschuhe. Jetzt falle ich auch noch auf den Scherzkeks herein, der den Track seitlich neben der Brücke über den Kanal gezogen hat. Soll ich etwa schwimmen oder durch den Düker tauchen? Die Gegend hier nennt sich Drömling, eine Niedermoorlandschaft. Im Naturfilm von Andreas Kieling sah das aus der Vogelperspektive irgendwie spektakulärer aus. Hinter Oebisfelde, nach dem Unterqueren des Bahnhofs, wird die Landschaft wieder schöner. Auch der Regen hört auf, und der Himmel zeigt vereinzelt blaue Flecken. Es geht in den Lappwald. Wieder stellt sich die Übernachtungsfrage. Da für die Nacht weiterer Regen angekündigt ist, beschließe ich, eine feste Unterkunft zu suchen. Vorher geht es aber noch auf dem Kolonnenweg ein Stückchen rauf und runter durch den Lappwald. Kurz vor dem Abzweig nach Helmstedt wird der Track durch eine riesige Kiesgrube zerschnitten. Wie eine große Wunde klafft das Tagebauloch im Erdboden. Eine Umfahrung ist dank GPS schnell gefunden. Dann rolle ich vom Höhenweg hinunter in Richtung Helmstedt. Das erste Hotel ist ausgebucht. Handwerkerquartier. Das nächste liegt in Rufweite neben der A2. Ich zögere. Aber der Wind bläst kräftig aus Westen und das Hotel liegt sozusagen in Luv, was für eine halbwegs ruhige Nacht sprechen könnte. Zudem liegt die Autobahn ein ganzes Stück oberhalb des Hotels und hat einen Lärmschutzwall. Die junge Wirtin bietet mir eine abschließbare Garage für mein Fahrrad an und verspricht mir eine leckere warme Mahlzeit, was angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit verlockend klingt. Jens hat mich inzwischen per SMS über den Rennverlauf informiert. Der spätere Sieger hat den Harz bereits passiert. Ich hab den Brocken noch nicht einmal gesehen.Egal, ich liege ganz gut in meinem Zeitplan. Zwei Hefeweizen runden den Tag ab. Genug für heute.
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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon David » Fr 1. Jul 2011, 19:31

Super Berichte Carsten, du hast ein talent dafür deine erfahrung gut rüber zu bringen. Clenze kenne ich (zumindest vom namen her) da ich dort meine zutaten zum brauen bestelle http://www.satkau1.de/, muss aber am A.. der welt sein :lol: .
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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Karsten » Fr 1. Jul 2011, 19:47

Carsten hat geschrieben:Am Wochenende mach ich eine kleine kreative Pause :wink:


Nicht, dass Du dann am Montag alles vergessen hast! Mach Dir Notizen!

Den neuen Bericht lese ich übrigens erst nachher schön zum einschlafen und von Touren träumen. ;)

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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Karsten » So 3. Jul 2011, 20:21

Heute schon wieder kein Bericht... Ich mag kreative Pausen nicht. :(

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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Josh » So 3. Jul 2011, 21:22

kreative pausen liefern keine schönen zu bett geh, reise träume...
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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Jensemann » So 3. Jul 2011, 21:27

ich finde das auch doof

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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon thb » Mo 4. Jul 2011, 09:12

Kreative Pausen verhindern aber das, wenn man das ganze Wochenende nicht zum Lesen kam, man Montags noch länger von der Arbeit abgehalten wird :wink: .
Tolle Berichte Carsten! Machen echt lesesüchtig.

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Re: Grenzsteintrophy

Beitragvon Karsten » Mo 4. Jul 2011, 22:00

Das Wochenende ist übrigens um. Und ich habe keine Geschichte! :evil:

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